IV Goethes Faust I Bücher und Objektkästen 1981 - 82 (Auswahl)
I Hebräer 13
In einer Geschichte von Kolonisatoren und Kanälen, Kartoffeln und Königskindern wird Nikolaus Mohr zum Teilhaber.
Er gräbt und pflanzt, wo schon andere vor ihm Gräben gezogen und Kartoffeln gesteckt haben. Der Bippus und der Wolf, der Dreher Gottfried und die anderen.
Dabei ist es nicht seine Geschichte, in der er zum Teilhaber wird. Er ist kein Kolonist aus dem Unterland. Er ist kein Nachfahre der Separatisten und Pietisten. Er kommt mit der Geschichte der Kultivierung des Lengenweilers Moosrieds durch die Aussiedler aus Korntal nicht durch Herkunft oder Seelenverwandtschaft in Berührung. Aber er wird – mit seinem fremden Blick – zum Teilhaber der Geschichte, indem auch er mit dem Spaten ins Ried geht.
Als die Kolonisten im Januar 1824 das Ried zum ersten Mal von der Anhöhe bei der Ziegelhütte sehen, sehen auch sie es mit fremdem Blick. Sie halten die schwarze Erde für fruchtbar, das viele Wasser für nützlich. Doch nicht alles was im Unterland gilt, gilt auch im Oberland. Aber auch sie werden zu Teilhabern, Teilhabern an der Geschichte eines ihnen fremden Landstrichs. Sie ringen mit einem Boden, den sich nicht kennen und mit Bedingungen, die ihnen nicht entgegenkommen. Eine Vertonung von Hebräer 13 sollen sie in Mägerkingen beim Bruder Hansmarte gesungen haben, bevor sie von dort zur letzten Etappe ihrer Reise aufgebrochen waren. Wir haben hier doch keine Stadt, die ein beständiges Bleiben hat; die künftig ist, die suchen wir und nicht Sinn und Lauf nach ihr.
1836 sollte nach Bengels apokalyptischen Berechnungen das tausendjährige Reich beginnen und damit die alte Zeit und Geschichte enden. Kein „beständiges Bleiben“ war also nicht nur im zu eng gewordenen Korntal, sondern auch nicht in dieser Weltzeit. Das entstehende Wilhelmsdorf aber konnte als vorlaufender Schatten eines kommenden neuen Zeitalters gesehen werden. Von sich aus gab das Ried zu dieser Zukunftsperspektive keinen Anlass. Nur ein fremder Blick konnte solche Visionen ins Ried pflanzen.
Nikolaus Mohr erinnert an diesen fremden Blick, der so unrealistisch war, dass er wahr wurde. Dieser Blick muss den Nachfahren der Kolonisten selbst fremd geworden sein. Hebräer 13 zwar noch auf den Lippen, doch längst sesshaft und kultiviert in Eigenheimen, ihre Eigenheiten traditionsbewusst kultivierend – und das dem Moor abgetrotzte Ackerland nun wieder renaturierend.
Nikolaus Mohr gräbt und steckt Kartoffeln. Von oben wird man HEBR. 13 lesen können.
Gerhard Müller
Google Earth 2006 (Luftaufnahme von 2001 / sichtbar auf Google seit 2006 / Zoom vom Weltall bis auf diese Größe)
Kap. 13 Letzte Ermahnung Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. Gastfrei zu sein vergeßt nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. Hebräer 13, 1-2. Kartoffeln. Gepflanzt in großen Lettern. Im Ried, wie einst die Kolonisten. Blühend, aus der Luft. Ein Weg-Kreuz. Welch eine Freude - die Kolonisten als Engel hätten.
Vom Gräberfeld des sowjetischen Speziallagers (1945-50) über den Block 50 (Hygiene - Institut der Waffen-SS) in Richtung Kleines Lager (Sterbe- und Siechenlager jüdischer Häftlinge) des KZ Buchenwald Weimar, befindet sich ein Weg, der von einem Stacheldrahtzaun begrenzt wird. In diesem Zaun ist eine Hecke hochgewachsen, deren Stämmchen und Äste seit Jahrzehnten durch Reibung wundgescheuert wurden. Sie zeigen Wundmale, Einschnitte und Narben, teilweise ist der Stacheldraht in das Holz eingewachsen.
Die ständig verletzten, vernarbten und wieder aufgerissene Rinden der Bäumchen versinnbildlichen die schrecklichen Geschehnisse in den Konzentrations- und Vernichtungslagern des Dritten Reiches und symbolisieren die psychische und physische Stigmatisation der Überlebenden.
Buchenwaldkiste Kiste mit Stämmchen 19 x 44 x 44 cm 2006
III Genesis Patent 1 - 7 (Deutscher Katholikentag Ulm 2004)