II "Heute keine Kreuzigung. Pilatus"
Wir sind hier in der zweiten Barockkirche Rottweils, der Rottweiler Passionskirche, die sich einem einzigen Thema, der Passion, verschrieben hat und auf die Stiftung einer Frau zurückgeht, deren Mann wunderbar geheilt worden ist. In unterschiedlichsten Etappen und sehr plastisch wird uns hier das Leiden Christi vor Augen geführt: der Kreuzweg, das Vesperbild oder die Pieta, Christus in der Rast, verschiedene Kreuze und Kreuzesdarstellungen, alttestamentliche Opferfiguren und -szenen, die Leidenswerkzeuge und ganz oben in Anspielung auf die Wundmale und -zeichen Jesu ein Kreuz mit den vom Körper abgetrennten Gliedmaßen und dem herausgelösten Herz– zwei Hände, zwei Füße, das Herz Jesu. Trotz dieser sehr plastischen, keineswegs zurückhaltenden, eher grausamen Darstellungen des Leidens und Sterbens Jesu erregt hier in der Kirche ein Schild besonderes Ärgernis – ein Schild, das auch einen ganz anderen Text tragen könnte: heute keine Waren, Parken verboten, heute kein Rosenkranz, heute kein Gottesdienst, heute keine Heilige Messe, heute keine Auferstehung – und doch nur diesen einen trägt: heute keine Kreuzigung. Pilatus. Mit seiner Intervention, mit seiner Installation wollte und will der Künstler Nikolaus Mohr keine religiösen Gefühle verletzen. Er will zum Nachdenken anregen, er will anstoßen, Anstoß nehmen. Er will nicht das Rad der Geschichte zurückdrehen, er will nicht etwas ungeschehen machen, er will Fragen aufwerfen, er will uns einladen, uns Gedanken zu machen: Was wäre gewesen, wenn Pilatus dazu wirklich fähig gewesen wäre? Wie erginge es Jesus im Kerker, wenn für einige Stunden, vielleicht auch Tage, Wochen, Monate, Jahre gar die Hinrichtung ausgesetzt und die Zeit angehalten worden wäre? Wie gehen wir heute um mit unliebsamen Zeitgenossen und Menschen? Wir kreuzigen nicht mehr im Stile Roms – aber Mobbing, Diffamierung, Bloßstellung, Ausländerhass, Vollstreckung von Todesurteilen in den USA und an anderen Orten, bemühte göttliche Vorsehung bei Kriegen, Katastrophen und Terrorakten – sind das nicht neue quasi zivilisierte Formen von Kreuzigung? Was gibt uns das Recht über andere zu urteilen? Ich habe von dem Widerstand und Widerwillen, den man diesem Schild entgegenbringt gehört. Bereits am ersten Abend nach seiner Aufstellung war es weggestellt worden. Fortan wird es in Gottesdiensten zur Seite gedreht, damit man es nicht vor Augen hat, nicht lesen braucht. Damit es einen weder im Gebet noch in der Stille, weder beim Hören der Frohen Botschaft noch bei der Darbringung der Gaben vor Augen hat. Doch auch, wenn ich es aus meinem Blick verbanne, weiß ich darum, bleibt der kurze und deshalb so griffige Text vor meinem inneren Auge stehen. Und auch dann, wenn es nach dem 6. November wieder abgebaut wird, nicht mehr hinter der Kommunionbank im Chorraum steht, bleibe ich daran erinnert: Heute keine Kreuzigung. Pilatus, steht in schwarzen Buchstaben auf dem gelben Schild.
Diese Art von Schildern kennen wir: Baustelle betreten verboten; Parken verboten; Ausfahrt freihalten; Spielen verboten; Rasen betreten verboten; Widerrechtlich Parkende werden kostenpflichtig abgeschleppt; Tiere bitte nicht füttern; Betreten verboten; Angeln verboten; Durchgang zum See verboten; Privatweg; Vorsicht vor dem Hund usw. Sie begegnen uns ständig und dann können wir einander beobachten, wie wenig wir sie beachten, uns danach richten. Wir sehen sie – doch sie haben in der Regel keine besondere Wirkung. Dieses Schild des Künstlers Nikolaus Mohr aus Ostrach gehört in die Reihe der von Privat gefertigten Schilder im öffentlichen Raum Es passt sich in Größe, Farbe und Form dem Raum an: Gelbes Schild mit schwarzer Schrift auf anthrazitem Grund. Für seine Aufstellung gab es unterschiedliche Ideen: an die Fassade schrauben – wie Parken verboten; Fahrräder abstellen verboten; Schaufenster freihalten; Vorsicht Dachlawine – über die Tür hängen oder wie jetzt an einem mobilen Ständer befestigt. Es wurde jetzt aufgestellt und kann und wird wieder weggestellt. Heute – nicht morgen, nicht gestern, nicht vorgestern, nicht vor 2000 Jahren – heute keine Kreuzigung. Es hat keine die Geschichte verändernde Wirkung. Es kann und will das Geschehen am Kreuz nicht rückgängig machen. Es wirft aber zumindest im Blick auf dieses Geschehen die Frage nach der Macht des Pilatus auf. Wäre es nicht denkbar, dass es diesem Statthalter, seinen Soldaten, dem Hinrichtungskommando in den Sinn gekommen wäre, die Hinrichtung ab- oder doch zumindest auszusetzen? Waren denn die Menschen damals so gefühlskalt, solche Hinrichtungsfanatiker? So nach dem Motto – täglich eine Kreuzigung –zur Belustigung und Besänftigung des Volkes und als Arbeitsbeschaffung oder Freizeitbeschäftigung für die kriegsverwöhnten Soldaten? Pilatus jedenfalls beansprucht im Gespräch mit Jesus für sich diese Macht. Wir wissen, er knickt ein, er beweist kein Rückgrat; er macht sich zum Vollzugsgehilfen des Mobb – wohl ahnend, dass es immer noch einen anderen geben kann und wird, der dieses Urteil sprechen wird. Wenn er es nicht spricht, hat er für immer verspielt. Also – Schüssel her, Hände in Unschuld waschen und dem Willen der anderen genügen. Patrick Scherrer, Theologe und Kunsthistoriker aus München, hat in seinem Bildimpuls noch einen weiteren Aspekt herausgearbeitet. Er betont zu Recht, dass der Künstler mit diesem Schild unterstellt, dass wir heute im Umgang mit unseren Mitmenschen keineswegs abgeneigt sind, dem einen oder anderen das Kreuz zu wünschen, den einen oder anderen zu mobben, ihn schlecht zu machen, zu hintergehen, anzuschwärzen, ihn nach allen Regeln der Kunst fertig zu machen. Auch in unserer westlichen, zivilisierten Welt gibt es noch die Todesstrafe. Wir fordern die Einhaltung der Menschenrechte, lassen aber zu, dass Menschen hingerichtet werden. Das Schild von Nikolaus Mohr mahnt uns an: heute keine Kreuzigung – im Namen des Statthalters, der vielleicht schmerzlich eingesehen hat, dass er sich mit dem Urteil versündigt hat und die daher die Abschaffung von Kreuzigung und Todesstrafe fordert. Mir geht noch ein weiterer Gedanke durch den Kopf. Wir befinden uns hier in einer Ruhe Christi Kirche, deren Patronat „Christus in der Rast“ ist. Ein sehr junges Patronat, das besonders in Osteuropa, Tschechien, der Slowakei und in Polen ausgeprägt ist. Wer den Friedhof in Zakopane besucht, findet dort etliche ähnlich aufgebaute Grabmale, die Christus in der Rast, Christus in der Ruhe, den Erbärmdechristus, Christus im Kerker zeigen. Biblisch ist es nicht ganz eindeutig begründet. In den Synoptikern gibt es zwar einen Zeitsprung von der Nacht zum anderen Tag, zum Morgen, aber an keiner Stelle ist eindeutig von einem Kerkerchristus die Rede. Denkbar wäre auch, dass der Gefangene eine ganze Nacht gefoltert und gequält wurde, um ihn damit bewusst zu schwächen. Dennoch ist es nicht abwegig, wenn wir davon ausgehen, dass Christus den Rest der Nacht in einem Kerker verbracht hat – mit der Dornenkrone auf dem Kopf und den Ysop Stab in der Hand – eine szenische und bildliche Fortsetzung des Ringens und Betens im Garten Getsemani. Und ich frage mich, was ginge in ihm vor, was geht in einem Verurteilten vor, wenn die Verurteilung, wenn deren Vollstreckung durch ein solches Schild ausgesetzt wird, wenn der Gefangene dieses Schild vor Augen hat. Wird das Warten dann zur Qual? Keimt Hoffnung auf? Hoffnung darauf vielleicht, dass das Urteil nicht gefällt, die Hinrichtung nicht vollstreckt wird, dieser Kelch doch an mir vorübergeht? Unerwartete Zeit, sich vorzubereiten, das Urteil annehmen zu können, einen weiteren Rückblick wagen und Abschied nehmen zu dürfen? Besonders die Art und Weise der Aufstellung, die zeitliche Festlegung mit „heute“ auf diesem Schild lassen ahnen, dass diese Entscheidung kein Gesetz, keine Rechtsnorm, kein Grundrecht auf Leben, keine Abschaffung der Todesstrafe bedeutet, sondern damals wie heute nur eine Aufschiebung ins Ungewisse. So sind wir Menschen – wir schaffen es einfach nicht gut, solidarisch, offen, frei von Vorurteilen, rücksichtsvoll mit einander umzugehen – auch nicht mit Künstlern und Kunstintervention. Heute keine Kreuzigung – das geht sowohl an die Adresse von Kirchgängern als auch an die Adresse von Kunstfreunden. Heute keine Kreuzigung sollte nicht der Ausspruch einer weltlichen Macht, sondern mehr noch die Haltung von Menschen sein, die heute in der katholischen Kirche das Hochfest Allerheiligen feierten und von Jesus seliggepriesen wurden mit den Worten: selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben.
Diakon Dr. Engelbert Paulus Rottweil, 1. November 2011 „malhalten“ Gegenwartskunst in einundzwanzig Kirchen
"Heute keine Kreuzigung.Pilatus", Ruhe-Christi-Kirche Rottweil,
Schild Alublech, 40 x 60 cm, montiert, 2011

